Gründen ist eine Herausforderung – in Krisenzeiten wie auch in Zeiten von Prosperität. Beate Tschirch, erfolgreiche Unternehmerin und renommierter Yoga-Coach, zeigt, dass Erfolg beim Gründen nicht bei externen Faktoren, sondern vor allem bei einem selbst liegt.

Erfahren Sie im zweiten Teil unseres Interviews mit Beate Tschirch, was es bedeutet, Verantwortung als Unternehmer zu übernehmen und was ist mit der Gender-Gap in der deutschen Gründerszene auf sich hat.

Frau Tschirch, was hat Sie dazu inspiriert, Unternehmerin zu werden?

Nach dem Studium habe ich gleich den Schritt in die Selbstständigkeit gemacht und habe kurze Zeit später meine Kinder bekommen. Ich habe etwas gesucht, das mir Freiheit und Flexibilität im Alltag gibt und mir gleichzeitig erlaubt, einem eigenen Rhythmus zu folgen. Wichtig war vor allem, möglichst ortsunabhängig arbeiten zu können, um so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern zu verbringen. Jeden Morgen aus dem Haus gehen und erst abends wiederkommen, das wollte ich nicht.

Die Zeit, in der meine Kinder noch sehr klein waren, habe ich für Fortbildungen in mehreren Bereichen genutzt. Ich ließ mich nicht in eine starre Rolle zwängen, in der ich nur Hausfrau und Mutter war. Ich wollte etwas für mich selbst erreichen. Als die Kinder dann alt genug waren, dass ich selbst wieder mehr arbeiten konnte, habe ich festgestellt: Das, was ich gerne beruflich machen möchte, gibt es so gar nicht auf dem Markt.

Ich habe mich komplett selbst erfunden, denn eine Stelle zu suchen, die zu meinen Vorstellungen gepasst hätte, hätte mich zu viel Energie gekostet.

Mir geht es bis heute darum, meine Zeit flexibel einzuteilen und dass, das, wofür ich jeden Morgen aufstehe, meine Begeisterung am Leben hält. Ein normaler Nine-to-five-Job, bei dem ich jeden Tag nur meine Pflichten abarbeite, war mir nicht genug. Ich wollte etwas, das mich erfüllt und Spaß haben bei dem, was ich tue.

Der Bundesverband Deutsche Startups hat festgestellt, dass der Anteil weiblicher Gründer in diesem Jahr nur 15,1% beträgt. Was ist in Ihren Augen die Ursache, dass es im Jahr 2020 noch so wenige Frauen gibt, die wie Sie ein erfolgreiches Unternehmen gründen möchten?

Ich glaube, dass diese Diskrepanz in diesem Jahr wegen der besonderen Umstände noch deutlicher ist als sonst. Die Kinder waren von heute auf morgen komplett zuhause und Familien sind auf einmal mit Themen wie Homeschooling konfrontiert gewesen. In aller Regel wird das dem Zuständigkeitsbereich der Frau im Haushalt zugeordnet.

Generell glaube ich, dass Frauen viel mehr Sicherheit und Rückhalt aus der Familie benötigen. In dem Moment, in dem sie sich für die Selbstständigkeit entscheidet, dreht sich alles nur darum. Als Frau wird jedoch von einem erwartet, dass man sich gleichzeitig auch noch um die Kinder und die ganze Familie kümmert. Das ist ein großes Gewicht, dass auf den Schultern lastet. Nun kommt vielleicht das Argument, wer sich den Schuh anzieht. Doch klassische Rollenmodelle sind noch sehr weit verbreitet. Wer den Schritt zur Selbstständigkeit trotzdem gehen möchte, braucht wirklich viel innere Kraft und Mut sowie einen Partner, der das unterstützt.

„Ich habe Jahre gebraucht, mein Unternehmen in die Position zu bringen, in der ich jetzt bin. Gleichzeitig sind männliche Kollegen, die teilweise eine viel kürzere Ausbildung und Expertise hatten, an mir vorbeigezogen. “

Werden Frauen am Gründen gehindert, weil Sie häufiger Verantwortung für andere Menschen übernehmen müssen?

Ich persönlich denke, dass das tief in den Genen und der Natur liegt. Wenn man zum Beispiel Kinder hat, ist klar, dass sich nur die Frau, um das Stillen kümmern kann – so kommt man schnell in eine gewisse Struktur, der man sich verpflichtet fühlt. Als Mann besetzt man in dieser Struktur einfach eine andere Rolle.

So habe ich das zumindest in meinem eigenen Leben erlebt. Als ich selbst Kinder bekommen habe, hatte ich ganz das Gefühl, dass ich jetzt ganz selbstverständlich diese Rolle einnehmen werde. In gewisser Weise macht man das auch gerne, weil man natürlich so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern verbringen möchte.

In diesem Rollenbild übernimmt der Mann eine ganz andere Verantwortung: Er muss das Geld nach Hause bringen, um seiner Familie eine Zukunft zu ermöglichen. Als Mann fühlt man sich daher eher verpflichtet, so viel Geld wie möglich zu erwirtschaften, während die Frau das Management im Haushalt übernimmt, wenngleich die Rolle heute auch nicht mehr überall passt Jedoch wird es in einer solchen Struktur schwierig, den Fokus wieder auf sich selbst und die eigenen Ideen zu lenken.

Sind Sie in Ihrer Karriere auf Hindernisse gestossen, mit denen ein männlicher Gründer wahrscheinlich konfrontiert worden wäre?

In meiner Branche ist es tatsächlich so wie in vielen anderen auch: Männern wird oft viel schneller der Vorzug gegeben. Zum Beispiel haben Yoga-Kurse von männlichen Lehrern viel mehr Teilnehmer als solche, die von Frauen geleitet werden. Gleichzeitig aber interessieren sich Frauen viel häufiger für Yoga als Männer. Das mag seltsam klingen, ist jedoch wahr.

Ich habe Jahre gebraucht, mein Unternehmen in die Position zu bringen, in der ich jetzt bin. Gleichzeitig sind männliche Kollegen, die teilweise eine viel kürzere Ausbildung und Expertise hatten, an mir vorbeigezogen. So als ob man als männlicher Yoga-Coach nur einen Handstand fertigbringen muss, um es an die Spitze zu schaffen, überspitzt formuliert.

Andererseits ist mir aufgefallen, dass viele männliche Yoga-Coaches sich meist nur für eine kurze Zeit an Top-Positionen halten konnten. Denn für nachhaltigen Erfolg wird in solchen Fällen oft einfach nicht der Tiefgang geboten, den sich die Teilnehmer wünschen und erwarten.

„Mir wurde klar, dass ich alleine ein eigenes Yoga-Studio gründen werde. Entscheidungen und damit auch die Verantwortung liegen letztendlich bei mir, und das ist gut so.“

Was waren für Sie die wichtigsten Erfolgsmomente in Ihrer bisherigen Karriere?

Ein besonders schöner Moment war für mich die Eröffnung meines eigenen Yoga-Studios. Zuvor bin ich acht Jahre lang als Selbstständige von einem Fitness-Center zum anderen gegangen. Der Schritt, ein eigenes Studio zu betreiben, bedeutete, dass jetzt andere Yoga-Lehrer für mich arbeiten. In dieser Rolle befand ich mich ja auch davor. Das war ein sehr festigendes Erlebnis für mich.

Ein anderer Moment, der für mich sehr erfüllend war, war, als ich zum ersten Mal auf eine Yoga-Konferenz eingeladen wurde. Diese Form der Anerkennung, die mir so zu Teil wurde, gab mir das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg bin und meine Karriere einen richtigen Schub erfährt.

Gab es auch Momente, in denen der Erfolg ausblieb, die trotzdem eine wichtige Lektion für Sie waren?

Ja, das hat es auch gegeben. Früher wollte ich unbedingt mit anderen Menschen zusammenarbeiten. Ich habe lange an der Überzeugung festgehalten, dass man ein gemeinsames Projekt viel schneller zum Erfolg bringen kann, weil dann jeder seine individuellen Qualitäten zum großen Ganzen beitragen kann. Das habe ich mehrmals so versucht, es hat jedoch nie funktioniert. Am Ende war es meistens so, dass einer mehr Arbeit auf sich genommen hat als der Rest und einfach nichts Handfestes zustande kam.

Aus diesen Erfahrungen kam dann glücklicherweise die Einsicht, dass ich diesen Weg alleine gehen muss. Und dann war klar für mich, dass ich alleine ein eigenes Yoga-Studio gründen werde. Entscheidungen und damit auch die Verantwortung liegen letztendlich bei mir, und das ist gut so.

Was ist der wertvollste Rat, den Sie GründerInnen heute geben würden?

Schaffe Dir eine Struktur und arbeite in kleinen Etappen. Mache Dir für jede Woche und jeden Monat einen Plan, in freue Dich über das Erreichen Deiner definierten Etappe. Sei mutig, geh voran und überwinde deine inneren Blockaden, lobe Dich und sei stolz auf das, was Du erzielt hast.

So sichert man sich regelmäßig die kleinen Erfolgserlebnisse, die man braucht, um Schritt für Schritt den Weg nach oben zu bestreiten und Motivation gleichermaßen.

Beate Tschirch

Mir geht nicht ums Können, sondern ums Machen. Es geht mir nicht um Höchstleistungen, sondern darum, neugierig zu bleiben.

Einfach etwas auszuprobieren, zu lernen, dabei sich selbst aufmerksam wahrzunehmen, das mache ich mein Leben lang. Ich kenne zwar Hindernisse, die sich einem in den Weg stellen wollen, doch durch achtsames und flexibles Reagieren, wird ein Schritt nach rechts oder nach links zu einer interessanten Wegbiegung, die Neues bereithält. Dafür ist es wichtig, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, um Dinge nicht nur zu sehen, sondern sie wirklich wahr- und anzunehmen.

Mein eigener Weg motiviert mich, Menschen zu unterstützen, ihr volles Potenzial zu entfalten, sich ihren unterschiedlichsten Aufgaben bewusst zu werden und diese zu meistern in einem sich permanent verändernden Umfeld. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, über gedachte Grenzen hinauszuwachsen, sind Wege zur eigenen Identität. Denn erst wenn Menschen wissen, wer sie wirklich sind, können sie sich innerlich frei bewegen und den Sinn ihres Wirkens erkennen. Es wird Großartiges entstehen, wenn sie dann ihr eigenes Talent und Potenzial annehmen. Diese Entwicklung bedeutet, sich auf Vielfalt und Veränderung einzulassen.