Beate Tschirch ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Yoga-Coaches in Deutschland. Auch für ihren Betrieb hatte dieses Jahr einige unangenehme Überraschungen parat, aus denen schlussendlich aber neue Ideen mit großem Erfolg aufblühten.

Erfahren Sie im ersten Teil unseres Interviews mit Beate Tschirch, wie sich Einfallsreichtum, Mut zu Neuem und finanzielle Achtsamkeit in Krisen auszahlen.

Das Jahr 2020 war wohl für jeden von uns ein besonderes Jahr. Viele Unternehmer hat es besonders hart getroffen. Wie ist es Ihnen in diesem Jahr ergangen?

Von Januar bis März lief alles sehr gut. Die Situation veränderte sich zunehmend. Das war ungewöhnlich. Als Unternehmerin habe ich in erster Linie Verantwortung für meine Mitarbeiter. Es fanden täglich mehrere Kurse mit bis zu 30 Teilnehmern statt. Da war schnell klar, dass ich handeln muss.  Zu dem Zeitpunkt war ich in Ägypten im Urlaub. Von dort aus habe ich sofort beschlossen, den Betrieb zu schließen – noch vor dem offiziellen Lockdown.

Aber natürlich brauchte ich trotzdem ein Angebot, denn unsere Mitglieder zahlen Mitgliedsbeiträge. Also überlegte ich, die Kurse in O Online-Kursen zu wandeln und blitzschnell reagiert. Noch aus Ägypten habe ich das passende Equipment bestellt, um auf Online-Betrieb umzurüsten. Zwei Tage, nachdem ich aus dem Urlaub zurückgekehrt bin, ging dann schon der erste Kurs online. Den gab es kostenlos, um zu erfahren, wie gut das Angebot bei unseren Teilnehmern angenommen würde und die Technik reibungslos funktionierte. Das Ergebnis war, dass wir bereits nach dem ersten Wochenende Kurse mit über 100 Teilnehmern hatten. Das war beeindruckend.

Als klar war, dass die Online-Angebote erfolgreich angenommen werden, habe ich das ganze Team eingearbeitet und für den Online-Betrieb geschult. Das dauerte einen Moment, denn nicht alle sind gleichermaßen technisch affin. Es macht auch einen Unterschied, online und vor der Kamera mit den Kursteilnehmern zu interagieren und das ganze gleichzeitig persönlich zu gestalten. Das war eine große Herausforderung für uns alle.

Als sich die Situation im Sommer wieder gelockert hatte, hat sich die Teilnehmerzahl sehr schnell wieder auf Vorkrisen-Niveau eingependelt. Wir haben dann auf einen Mix aus Online- und Offline-Angeboten gesetzt, indem wir unsere Studio-Kurse auch weiterhin online übertagen haben. Das recht gut funktioniert. Andererseits war ich für den Sommer landesweit für zahlreiche Events gebucht, die alle restlos ausfielen.

Damit verlor ich auch meine Haupteinnahmequelle. Es war für mich klar, dass ich parallel noch etwas anderes anbieten muss. Das war die Gelegenheit, andere Ideen, die ich schon etwas länger für den Online-Bereich hatte, in die Tat umzusetzen. Das Konzept waren 12- oder 21-tägige On-Demand-Kurse, die unsere Teilnehmer zuhause für sich machen konnten.

Was war für Ihr Unternehmen die größte Herausforderung des Jahres?

Für mich war die größte Herausforderung, Ruhe zu bewahren und nicht in Angst zu verfallen. Sich darauf zu konzentrieren, was ich mit dem was, mir zur Verfügung steht, erreichen kann, ohne zu viel zu riskieren. Schließlich kann ich nicht voraussagen, wie meine neuen Ideen bei den Kunden ankommen und angenommen werden. Diese Balance zu halten, ist nicht immer ganz einfach gewesen.

Die zweite wichtige Herausforderung war, unseren Mitgliedern zu zeigen, dass wir auf die neue Situation schnell reagieren und weiterhin für sie da sind. Gewohntes sozusagen herzustellen bei so vielem Ungewissen. Genauso wichtig war es, meine Mitarbeiter auf die neuen Umstände gut vorzubereiten und entsprechend zu coachen.

„Im Finanziellen ist Achtsamkeit für mich der Nährboden, auf dem jeder Erfolg fußt. Wenn die Basis nicht stimmt, kann daraus nichts Neues wachsen und dann kann man die Früchte seines Erfolges auch nicht ernten.“

Sehen Sie diese Anpassungen nur als temporäre Maßnahme oder hat sich der Charakter Ihres Unternehmens dadurch nachhaltig verändert?

Definitiv. Wir können jetzt individuell Teilnehmern aus ganz Deutschland etwas anbieten, das vorher nur auf einzelne Viertel in der Nähe beschränkt war. Ich und mein Programm sind deutschlandweit bekannt und über Online-Kanäle können wir eine digitale Brücke zu den Kunden außerhalb der bisherigen Reichweite unseres Studios schlagen.

Kurioserweise entsteht auf dem digitalen Weg eine Nähe zum Kunden, die vorher nicht da war. Das Feedback einzelner Kunden kommt ebenso viel direkter und schneller bei uns an, was wir jetzt zum Vorteil für uns und unseren Kundenstamm nutzen können. Außerdem habe ich bemerkt, dass sich im Social Media-Bereich ganz neue Synergien ergeben. Die Interaktion zwischen uns und unseren Mitgliedern, Interessierten und solchen, die noch keinen Bezug zu uns haben, macht uns für ein Publikum zugänglich, das wir vorher nicht erreicht haben.

Sie haben bereits angesprochen, dass Sie ein größeres Interesse für das Thema Achtsamkeit bei Ihren Kunden festgestellt haben. Was verstehen Sie darunter und welche Rolle spielt Achtsamkeit für Sie als Unternehmerin?

Achtsamkeit bedeutet, den Moment wahrzunehmen. Es geht darum, bewusst im Hier und Jetzt zu leben. Wenn wir unsere einzelnen Sinneseindrücke bewusst in uns aufnehmen, zum Beispiel das Temperaturempfinden oder der Geschmackssinn, können wir die Gegenwart authentischer erleben und handeln auch dementsprechend. Wenn man immer nur in der Zukunft lebt, entwickelt man Ängste. Und wir wissen nicht was auf jeden von uns zukommt.

Es hat sich vor allem in diesem Jahr gezeigt, dass man nicht alles auf die Zukunft projizieren. Man muss in der Lage sein, Entscheidungen im Hier und Jetzt zu treffen, um im Leben erfolgreich zu sein. Mit diesem Bewusstsein haben ich und meine Mitarbeiter es auch geschafft, das Unternehmen erfolgreich durch dieses Jahr zu bringen.

Im Finanziellen ist Achtsamkeit für mich der Nährboden, auf dem jeder Erfolg fußt. Wenn die Basis nicht stimmt, kann daraus nichts Neues wachsen und dann kann man die Früchte seines Erfolges auch nicht ernten. Zur Basis gehört, seine Zahlen im Blick zu behalten und sich Klarheit über die eigenen Möglichkeiten zu verschaffen: Was kann ich aus der gegenwärtigen Situation heraus erreichen? Wieviel Reserven muss ich zurücklegen? Was brauche ich, um meine Mitarbeiter zu bezahlen? Wieviel möchte ich für Investitionen zur Verfügung haben und welche Investitionen lohnen sich überhaupt?

Diese Fragen sind für mich der Ausgangspunkt, von dem alles abhängig ist. Wenn ich hier einen Fehler mache, dann säge ich mir selbst den Ast ab, auf dem ich sitze. Wie wichtig das ist, hat mir dieses Jahr ganz deutlich gezeigt.

Denn bis dahin war mein Unternehmen solide aufgestellt, wie es sich jeder Unternehmer wünscht: Nach der Gründung ging es stetig nach oben – wir sind gesund gewachsen. Nur in diesem Jahr war ich zum ersten Mal mit Einbußen konfrontiert. In dieser unerwarteten Situation habe ich mir sehr bewusst die Frage gestellt, in was ich in der neuen Gegenwart investieren sollte und vor allem wieviel.

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Beate Tschirch Interview

Beate Tschirch Interview Teil 2

Erfahren Sie im zweiten Teil unseres Interviews mit Beate Tschirch, was es bedeutet, Verantwortung als Unternehmer zu übernehmen und was ist mit der Gender-Gap in der deutschen Gründerszene auf sich hat.

Beate Tschirch

Mir geht nicht ums Können, sondern ums Machen. Es geht mir nicht um Höchstleistungen, sondern darum, neugierig zu bleiben.

Einfach etwas auszuprobieren, zu lernen, dabei sich selbst aufmerksam wahrzunehmen, das mache ich mein Leben lang. Ich kenne zwar Hindernisse, die sich einem in den Weg stellen wollen, doch durch achtsames und flexibles Reagieren, wird ein Schritt nach rechts oder nach links zu einer interessanten Wegbiegung, die Neues bereithält. Dafür ist es wichtig, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, um Dinge nicht nur zu sehen, sondern sie wirklich wahr- und anzunehmen.

Mein eigener Weg motiviert mich, Menschen zu unterstützen, ihr volles Potenzial zu entfalten, sich ihren unterschiedlichsten Aufgaben bewusst zu werden und diese zu meistern in einem sich permanent verändernden Umfeld. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, über gedachte Grenzen hinauszuwachsen, sind Wege zur eigenen Identität. Denn erst wenn Menschen wissen, wer sie wirklich sind, können sie sich innerlich frei bewegen und den Sinn ihres Wirkens erkennen. Es wird Großartiges entstehen, wenn sie dann ihr eigenes Talent und Potenzial annehmen. Diese Entwicklung bedeutet, sich auf Vielfalt und Veränderung einzulassen.